Thaliden

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Die Thaliden sind legendäre, arkane Konstrukte aus der Geschichte Eborias, deren Existenz untrennbar mit dem Aufstieg und dem katastrophalen Fall der Hybraner verbunden ist. Es handelte sich um vier gigantische, autonome Kolosse aus reinem Orichalkum, die von den Hybranern erschaffen wurden, um ihre Stadt Pelagon vor externen Bedrohungen zu schützen.

In der thyrnischen Magietheorie und Historik gelten die Thaliden als der absolute Höhepunkt der Magischen Synergetik – einer heute verlorenen Kunst, die die rationale Struktur der Arkanmagie nahtlos mit der intuitiven Lebenskraft der Naturmagie verschmolz.

Sie waren keine Diener, sondern kollektive Avatare eines ganzen Volkes; ein Mahnmal für das, was möglich ist, wenn ein Volk bereit ist, sich selbst für den Schutz seiner Heimat aufzuopfern – und was geschieht, wenn diese Opferbereitschaft korrumpiert wird.


Etymologie: Der Begriff des Blutwächters

Der Begriff "Thalide" leitet sich von einer Wurzel des Alt-Hybranischen ab (Thal-Idos), die eine komplexe Doppelbedeutung trägt. Linguisten übersetzen sie meist als "Jene, die aus dem Blut schützen" oder schlicht "Blutwächter".

Diese Bezeichnung verweist auf die einzigartige ontologische Natur dieser Wesen:

  • Der Schutz: Ihre primäre und einzige Funktion war die Bewahrung der hybranischen Zivilisation (Hybra).
  • Das Blut: Ihre Existenzgrundlage war das Blut ihrer Erschaffer.

In den Überlieferungen der Thyrner, der Erben der Hybraner, wird der Begriff oft mit Ehrfurcht geflüstert. Er steht synonym für eine Macht, die so groß ist, dass sie sich der Kontrolle durch die Jungen Völker entzieht.

Anatomie und Beschaffenheit

Die Thaliden repräsentierten den absoluten Zenit der Biomimikry – dem Bestreben, das Leben nicht nur nachzuahmen, sondern es in einer idealisierten, unvergänglichen Form neu zu erschaffen. Ihre Konstruktion folgte keinem rein mechanischen Bauplan, sondern einem organischen Prinzip, das durch arkane Ingenieurskunst in Metall übersetzt wurde.

Die Titanische Hülle: Orichalkum in Perfektion

Jeder der vier Wächter maß exakt 20 Meter in der Höhe und überragte damit die zyklopischen Wehrmauern von Pelagon. Sie waren so positioniert, dass sie bereits aus meilenweiter Entfernung als flammende Landmarken der Macht von Pelagon sichtbar waren.

Ihre äußere Hülle bestand zu 100% aus massiven Platten und Gussteilen aus Orichalkum. Dieses "Götterblut-Metall" verlieh ihnen ihre charakteristische Färbung: Im Schatten wirkten sie wie aus dunkler, rötlicher Bronze gegossen, doch im direkten Sonnenlicht flammten sie in einem gleißenden, gold-roten Glanz auf, der an einen blutroten Sonnenaufgang oder -untergang erinnerte.

Die Formgebung folgte der hybranischen Ästhetik des Nudus Heroicus (der heroischen Nacktheit). Sie trugen keine Rüstungen, denn ihr Körper selbst war der unzerstörbare Panzer. Stattdessen waren sie als anatomisch perfekte, männliche Humanoide geformt. Jeder Muskelstrang, jede Sehne, das Schlüsselbein und sogar die feinen Wölbungen der Adern unter der "Haut" waren mit einer hyperrealistischen Präzision aus dem Metall herausgearbeitet. Sie waren keine abstrakten Golems, sondern Götterstatuen, die den Anspruch der Hybraner verkörperten, selbst wie Götter zu sein.

Die Fleischwerdung des Metalls

Das wohl verstörendste und zugleich faszinierendste Merkmal der Thaliden war die Transmutabilität ihrer Materie. Das Orichalkum verhielt sich nicht wie tote Materie, sondern reagierte auf den Zustand des Wächters.

  • Der Zustand der Wache (Stasis): Solange die Thaliden inaktiv auf ihren Posten vor den Stadttoren verharrten, erstarrte das Metall zu absoluter Unbeweglichkeit. Sie wirkten wie Monumente für die Ewigkeit – kalt, starr und leblos. Vögel konnten auf ihnen nisten, und der Wind brach sich an ihren unnachgiebigen Flanken.
  • Der Zustand des Lebens (Aktion): Sobald der Wächter jedoch durch eine Bedrohung oder einen Befehl aktiviert wurde, durchlief das Orichalkum eine radikale Phasenverschiebung. Durch die Beseelung gewann das Metall die Elastizität und Geschmeidigkeit von lebendem Gewebe, ohne seine Härte zu verlieren.
  • Mythen berichteten, dass sich bei Bewegungen die metallischen Muskeln unter der Haut sichtbar spannten und entspannten.
  • Der Brustkorb hob und senkte sich in einem simulierten Atemrhythmus, um überschüssige Hitze abzuführen.
  • Es gab kein mechanisches Knirschen oder Schleifen von Gelenken. Ein Thalide bewegte sich mit der lautlosen, tödlichen Eleganz eines Raubtiers.

Das Innere System: Das Azoth-Herz und das Vaskuläre Labyrinth

Was die Thaliden von einer bloßen animierten Statue unterschied, war ihr inneres Funktionsprinzip. Sie waren hydraulisch-magische Organismen.

  • Das Vaskuläre Labyrinth: Vor dem Guss der massiven Körper hatten hybranische Ingenieure das Innere der Gussformen mit einem mikroskopisch feinen Geflecht aus Kanälen durchzogen. Dieses künstliche Adernsystem (das Reticulum Arcanum) durchzog den gesamten Körper bis in die letzte Fingerspitze. Es diente dazu, die magische Energieströme gleichmäßig zu verteilen. Ein massiver Block Orichalkum wäre magisch reglos geblieben; erst die Durchblutung machte ihn "lebendig".
  • Das Herz aus Azoth: Tief im Zentrum des Thorax, geschützt durch die dicksten Schichten des Orichalkums, saß das Thaliden-Herz. Es war eine komplexe Pump-Vorrichtung aus gehärtetem Glas und Metall, angetrieben von Azoth – der reinsten Form der arkanen Energie.
  • Dieses "Arkane Feuer" brannte unerschöpflich und lieferte den notwendigen Druck, um das später hinzugefügte Blut (das Medium der Seele) durch den tonnenschweren Körper zu pumpen.
  • Das Schlagen dieses Herzens erzeugte jenes berühmte, tiefe Wummern, das man hören konnte, wenn man am Fuß eines Thaliden stand – das Geräusch einer Maschine, die träumt, sie wäre lebendig.
  • In Momenten des Zorns oder Kampfes pumpte das Herz so schnell, dass die Reibungshitze das Orichalkum zum Glühen brachte ("Das Erröten der Kolosse").

Das Geheimnis des Blutnagels

Trotz ihrer scheinbaren Unzerstörbarkeit besaßen die Thaliden eine konstruktionsbedingte Schwachstelle, die als ultimative Sicherung diente. An der rechten Ferse eines jeden Kolosses befand sich der sogenannte Blutnagel. Dies war ein runder, etwa schildgroßer Verschlussstopfen, der sich optisch kaum von der übrigen Ferse unterschied.

  • Funktion: Der Nagel verschloss den Hauptzugang zum inneren Adersystem. Er diente ursprünglich zur Wartung und zur initialen Befüllung (Transfusion) während des Erschaffungsrituals.
  • Der Notausschalter: Sollte ein Thalide jemals fehlfunktionieren (was die Hybraner für unmöglich hielten, bis der Fluch sie eines Besseren belehrt), konnte durch das Entfernen des Nagels das gesamte "Blut" – und damit die Seele und das Leben – aus dem Konstrukt abgelassen werden. Der Thalide würde augenblicklich zu einer leblosen Statue erstarren.
  • Sicherung: Der Nagel konnte weder durch Gewalt noch durch Magie entfernt werden. Er reagierte ausschließlich auf einen physischen Arkanen Schlüssel (ein komplexes Artefakt der Ingenieurskunst), der im Besitz des hybranischen Königs war.
  • Tragik: Während der Zerstörung gelang es niemandem, nah genug an die rasenden Kolosse heranzukommen, um diese Sicherung zu nutzen. Das Geheimnis des Blutnagels starb mit dem letzten König von Pelagon. Dieser starb überrascht von dem Angriff seiner eigenen Stadtwächter in seinem einstürzenden Palast, der von dem Speer des Thaliden Anatoron getroffen wurde.

Eigenschaften und Fähigkeiten

Die Thaliden galten in den hybranischen Sagen als faktisch unbesiegbar. Sie waren so konzipiert, dass sie keiner der bekannten Schwächen sterblicher Lebewesen unterlagen. Ihre Macht basierte auf der Unvergänglichkeit des Orichalkums und ihrer geistigen und seelischen Unangreifbarkeit.

Physische und Elementare Immunität

Die materielle Hülle der Thaliden bot einen absoluten Schutz, der in der Geschichte Eborias seinesgleichen sucht.

  • Mechanische Unverwundbarkeit: Da ihr Körper aus massivem, magisch gehärtetem Orichalkum bestand, waren sie gegen konventionelle Waffen vollkommen immun. Schwerter, Äxte und Speere zerschellten wirkungslos an ihrer Haut, ohne auch nur einen Kratzer im rot-goldenen Metall zu hinterlassen.
  • Elementare Resistenz: Ebenso zeigten sie sich vollkommen unbeeindruckt von elementaren Gewalten. Sie konnten durch loderndes Feuer oder Lava schreiten, ohne zu schmelzen, und selbst extremste Kälte vermochte ihre Bewegungen nicht zu verlangsamen. Sie waren so beständig wie die Berge selbst, immun gegen Verwitterung, Rost oder Säure.

Geistige Immunität: Das Fehlen des Ichs

Noch gefürchteter als ihre physische Härte war ihre Resistenz gegen jede Form der magischen Beeinflussung oder psychologischen Kriegsführung.

  • Die Ontologische Leere: Da die Thaliden niemals einen eigenen Willen, ein individuuelles Bewusstsein oder ein "Ego" besaßen, boten sie keinerlei Angriffsfläche für Zauber der Geistesbeherrschung, der Furcht oder der Illusion. Es gab keinen Geist, den man brechen, und keine Seele, die man verführen konnte.
  • Der Kollektive Imperativ: Sie waren stumme Gefäße eines programmierten, kollektiven Imperativs ("Schütze Pelagon"). Sie waren blind für Diplomatie, Mitleid, Zögern oder Bestechung. Sie kannten weder Erschöpfung noch Schlaf; sie mussten nicht rasten und nicht essen. Sie waren die perfekte, ewige Wacht, die nur durch die physische Vernichtung ihrer Substanz – oder, wie sich später zeigte, durch die magische Korruption ihres Treibstoffs (Blut) – aufgehalten werden konnte.

Die Vier Wächter von Pelagon

Es gab in der Geschichte Eborias und der Stadt Pelagon insgesamt nur vier dieser Kolosse. Die Thaliden waren keine Armee, die ins Feld zog, sondern vier stationäre, titanische Schildwachen. Sie standen vor den vier Haupttoren der Stadtmauer, jeweils exakt ausgerichtet in eine der vier Himmelsrichtungen.

Jeder Thalide besaß eine eigene Identität, einen Namen und eine einzigartige physiognomische Ausgestaltung, die seine spezifische Funktion im Schutzring der Stadt und die hohen philosophischen Ideale der hybranischen Kultur symbolisierte.

Aspideon – Der Schild des Nordens

  • Erscheinung: Aspideon blickte mit stoischer Härte in Richtung der schroffen Gebirgsketten und der wilden Ausläufer des Nordens. Er unterschied sich von seinen Brüdern durch eine rein defensive Anatomie: Er trug keine Offensivwaffe. Stattdessen war sein gesamter linker Arm zu einem gigantischen, fast turmhohen Schild aus massivem Orichalkum ausgeformt, der untrennbar mit seinem Körper verschmolzen war.
  • Symbolik: Er fungierte als die "Eherne Barriere" gegen die Karantoi, jene verhassten Feinde, die in den unterirdischen Höhlensystemen der Berge hausten. Sein Schild war das steinerne Versprechen, dass die dunklen Schrecken der Tiefe und die Barbarei der Wildnis niemals das Licht der hybranischen Kultur berühren würden. Seine Haltung war die einer unüberwindbaren Mauer.

Anatoron – Das Licht des Ostens

  • Erscheinung: Anatoron blickte über die Weiten der Ebenen (des heutigen Argosiens) auf den fernen, fremden Kontinent Ishturak. Er stand aufrecht, fast aristokratisch, und hielt einen gewaltigen Speer senkrecht in den Himmel erhoben. Die Spitze der Waffe war so poliert und magisch behandelt, dass sie jeden Morgen das allererste Licht des Sonnenaufgangs einfing und wie ein brennender Stern aufleuchtete, noch bevor die Stadt selbst erhellt wurde.
  • Symbolik: Sein Leuchten war keine Drohung, sondern ein Leuchtfeuer der hybranischen Hochkultur. Er signalisierte den Fremden im Osten (aus deren Landen später die Pazumer einfielen): Hier steht das Licht der Welt. Der Speer war ein Zepter der Souveränität, ein stolzes Zeichen, das die Grenzen des hybranischen Stadtstaates markierte und die Bereitschaft zeigte, dieses Ideal gegen das Unbekannte zu behaupten.

Soterion – Der Hüter des Südens

  • Erscheinung: Soterion war der prächtigste der vier und thronte direkt über dem Haupteingang von Pelagon, dem Tor, durch das der Reichtum der Ernte in die Stadt floss. Er trug keinerlei Waffen. Stattdessen hielt er seine gewaltigen Hände mit offenen Handflächen schützend über die bewohnten Ebenen vor der Stadt, wo sich die fruchtbaren Terrassenfelder an die Hänge der Berge schmiegten.
  • Symbolik: Er repräsentierte die "Nährende Stärke". Seine Pose war nicht die eines Kämpfers, sondern die eines Hüters und Beschützers. Er symbolisierte die Fürsorge des Staates für seine Bürger und die Harmonie mit der kultivierten Natur. Soterion war der Garant für Wohlstand und Leben; seine Macht diente nicht der Unterwerfung, sondern der Erhaltung und dem Schutz jener, die unter ihm lebten und arbeiteten.

Xiphoron – Das Schwert des Westens

  • Erscheinung: Xiphoron blickte in Richtung der weiten, glitzernden Wasserflächen des Thalischen Meeres. Seine rechte Hand lief in eine lange, geschwungene Klinge aus – ein Schwert, das er jedoch nicht zum Schlag erhoben hielt, sondern waagerecht, fast prüfend, in die Ferne richtete, als würde er den Horizont teilen wollen. Seine Haltung war nicht die eines Kriegers im Blutrausch, sondern die eines kühnen Entdeckers, der bereit ist, den ersten Schritt in das Unbekannte zu wagen.
  • Symbolik: Er war der "Geist des Aufbruchs". Sein Schwert deutete in die Weite des eborischen Meeres und symbolisierte den unstillbaren Wissensdurst und den Abenteuergeist der Hybraner. Xiphoron verkörperte den Mut, die sicheren Mauern zu verlassen, nicht um zu unterjochen, sondern um die Geheimnisse der Welt zu entschlüsseln.


Historie I: Genese und Triumph

Die Erschaffung der Thaliden war kein langfristiges Werk in Zeiten des Friedens, sondern eine verzweifelte Reaktion auf eine existenzielle Bedrohung. Sie markiert den historischen Wendepunkt im sogenannten Blutsturm (ca. 6000–5500 v. ThZ), einer Ära des brutalen Überlebenskampfes.

Der Kontext: Der Blutsturm und die Not

Unter der Herrschaft von König Virodasas hatten die Hybraner in ihrer Gier nach magischer Macht einen verhängnisvollen Fehler begangen. Sie überfielen die unterirdische Heimat der Karantoi und stahlen deren wertvollsten Besitz: gewaltige Mengen an rohem Orichalkum. Die Rache der Karantoi war fürchterlich. Aus den Tiefen des Celestischen Gebirges brachen Horden dieses Volkes hervor, die das Metall "riechen" konnten und fest entschlossen waren, Pelagon dem Erdboden gleichzumachen. Die konventionellen hybranischen Streitkräfte wurden von der urwüchsigen Erdmagie und der physischen Wucht der Karantoi überrannt. Die Mauern wankten, und die Auslöschung der hybranischen Zivilisation schien unvermeidbar. In dieser Stunde der höchsten Not beschloss der Rat der Weisen, das gestohlene Orichalkum nicht zurückzugeben, sondern es als Waffe gegen seine ursprünglichen Besitzer zu schmieden.

Die Konstruktion durch Magie-Synergetik

Unter dem immensen Druck der belagerten Stadt vollbrachten die Hybraner das Unmögliche: Sie nutzen die Kunst ihrer Magie-Synergetik – die Verbindung von Naturmagie (das Erbe des Blutes) und Arkanmagie (das arkane Wissen des Phanon).

  • Die Formung (Naturmagie): Die mächtigsten Urformer des Reiches traten zusammen. Sie nutzten keine Öfen oder Hämmer, sondern „führten“ das Metall in Form. Durch ihre elementare Kontrolle über die Materie zwangen sie das widerstrebende Orichalkum in die idealisierten Gestalten der vier Wächter.
  • Die Strukturierung (Arkanmagie): Während das Metall noch flüssig und formbar war, webten Arkan-Ingenieure zeitgleich das komplexe innere Adersystem und implantierten die Azoth-Herzen.

Das Sacrificium Devotionis: Das Große Blutritual

Als die Hüllen fertiggestellt waren, fehlte noch der Funke des Lebens. Das Orichalkum, göttlich und eigenwillig, verweigerte sich jeder profanen Belebung. Es verlangte nach einem Opfer von gleicher Wertigkeit. Was folgte, ging als ein großes Opfer der Hingabe in die Geschichte Eborias ein. König Virodasas trat vor sein Volk und erklärte, dass nur das Blut der Hybraner selbst die Stadt retten könne. Es gab keinen Zwang, keine erzwungenen Opfer. In einer Prozession von ergreifender Stille traten alle Bürger an die Rinnen, die zu den Gussformen führten.

  • Die Blut-Transfusion: Jeder Bürger, vom Kind bis zum Greis, ließ sich zur Ader, um sein Geanisches Echo in die Wächter fließen zu lassen.
  • Der Freitod der Ehre: Viele Hybraner wählten den freiwilligen Tod. Sie öffneten ihre Pulsadern vollständig über den Einlassventilen, in dem Wissen, dass ihr Tod das Leben der Wächter stärken und ihr Volk retten würde.

Dieses Ritual war kein dunkler Ritus, sondern der ultimative Ausdruck von Patriotismus. Das Blut, das die Adern der Thaliden füllte, war gesättigt mit der Liebe zur Heimat und dem wilden Entschloss, sie zu beschützen. So entstand das Kollektivbewusstsein: Die Thaliden waren das Volk von Pelagon.

Der Triumph über die Karantoi

Der erste Einsatz der Thaliden ist Legende.

  • Als die Karantoi zum finalen Schlag gegen das Nordtor ansetzten, erwachte Aspideon. Das Beben seines ersten Schrittes ließ die Belagerungstürme der Feinde einstürzen.
  • Die Karantoi, die glaubten, das Orichalkum kontrollieren zu können, mussten entsetzt feststellen, dass das Metall nun durch das hybranische Blut gegen sie "geimpft" war. Ihre Erdmagie prallte wirkungslos an den goldenen Leibern ab.
  • Soterion (Süden) trat aus dem Tor und zermalmte mit seinen bloßen Händen die Vorhut der Angreifer, während er gleichzeitig die Flüchtlinge in seinem Schatten schützte.
  • Die psychologische Wirkung war verheerend. Die Karantoi sahen sich Göttern gegenüber, die aus jenem Material bestanden, das sie selbst verehrten.

Die Schlacht war kurz und einseitig. Die Thaliden trieben die Karantoi nicht nur zurück, sie brachen ihren Willen. Der Sieg sicherte die Hegemonie Pelagons für die kommenden Zeiten und zementierte den Glauben der Hybraner an ihre eigene Unbesiegbarkeit – eine Hybris, die ihnen später zum Verhängnis werden sollte.


Historie II: Hochmut und Fall

Nach dem Sieg über die Karantoi brach für Pelagon ein goldenes Jahrtausend an. Doch der Frieden barg eine schleichende Gefahr: Die Hybraner begannen, sich selbst als die vollstreckende Hand des Himmelsgottes Celestes zu sehen. Diese religiöse Übersteigerung führte schließlich zu jenem verhängnisvollen Konflikt, der als der Scherbenkrieg bekannt ist.

Der Scherbenkrieg: Die Sünde der Erlöser

Noch immer traumatisiert durch den Verlust ihrer Ur-Heimatinsel Hybra, die einst von Celestes wegen ihres Hochmuts im Meer versenkt worden war, suchten die Hybraner verzweifelt nach einem Weg der Rehabilitierung. Schließlich erreichte sie ein Hilfegesuch aus dem fremden Kontinent Ishturak. Dort bedrängten die Pazumer – ein Schattenvolk, das tief mit der Magie der Unterwelt verwoben war – die Nephelu, ein altes Volk, zu welchem die Hybraner Handelsbeziehungen unterhielten. Die Hybraner entsandten ihre Armeen sowie zwei ihrer unbesiegbaren Thaliden (Anatoron und Xiphoron), um die Nephelu militärisch zu unterstützen. Was jedoch als noble Hilfsmission begann, entartete schnell in religiösen Eifer. In ihrem Wahn, "Vollstrecker des Lichts" zu sein, schossen sie weit über das Ziel hinaus. Sie begnügten sich nicht mit der Rettung der Nephelu, sondern forderten die vollständige Auslöschung des Schattenvolks. Sie zerstörten Nerebta, die Hauptstadt der Pazumer, bis auf die Grundmauern und vertrieben deren heimatlose Bevölkerung. Diese Tat, begangen im Namen des Lichts, war jedoch ein Akt tiefster Grausamkeit. Die Hybraner hatten gehofft, Celestes zu gefallen, doch stattdessen hatten sie sich eine blutige Schuld aufgeladen, die das Schicksal wendete.

Die Rache der Pazumer

Die überlebenden Pazumer vergaßen nicht. Jahrhundertelang sammelten sie ihre Kräfte im Verborgenen. Sie unterwarfen die primitiven Stämme der eborischen Umbrin und formten aus ihnen eine gewaltige Invasionsarmee, die sie als "Fleischschild" nutzten. Unter der Führung dunkler Hexenmeister setzten sie nach Eboria über, um Pelagon zu schleifen. Doch unter König Nymaros bewährten sich die Thaliden erneut. Die physische Macht der Wächter war so absolut, dass die Schattenarmeen der Pazumer keine Chance hatten, die Mauern Pelagons auch nur zu erreichen. Die Hybraner wähnten sich sicher. Sie spotteten von ihren Zinnen herab auf die Feinde, im Glauben, dass ihre magischen Kolosse sie unangreifbar machten. Sie erkannten nicht, dass der Feind den Kampf längst auf eine andere Ebene verlagert hatte.

Der Thalidenfluch: Das besudelte Blut

Da die Pazumer die Wächter im offenen Kampf nicht bezwingen konnten, griffen sie zu einer List, die als Thalidenfluch in die Geschichte einging. Ihre Spione und Seher hatten erkannt, dass die Stärke der Thaliden – das lebende, geopferte Blut in ihren Adern – zugleich ihre einzige Schwäche war. Blut besitzt magische Resonanz. Und Blut kann besudelt werden. In einem monatelangen Ritual der Hexerei webten die schwarzen Ritualisten von Ishturak einen Fluch der Dissonanz. In einer stürmischen Nacht schlichen sich Schattenläufer an die Stadtmauern und zeichneten unsichtbare Sigillen an die Sockel der Kolosse. Der Fluch zielte nicht auf das Metall, sondern auf das Leben im Inneren. Er pervertierte den Imperativ "Schütze Hybra" in sein grausames Gegenteil. Die Liebe der Opfer, die im Blut gespeichert war, wurde durch die Resonanz der malgorianischen Schattenmagie in blinden Selbsthass verkehrt. Das Blut in den Adern der Thaliden "kippte" und wurde zu schwarzem Soma.

Die Nacht der Roten Tränen: Der Untergang Pelagons

Das Ende kam in einer einzigen Nacht. Ohne Vorwarnung, ohne dass ein Alarm geschlagen wurde, wandten sich die vier Wächter gegen ihre Schöpfer. Es war ein Gemetzel von apokalyptischem Ausmaß, da sich der Feind bereits innerhalb der Verteidigungslinie befand.

  • Der Fall des Nordens: Aspideon, der Schildträger, rammte seinen gewaltigen Schild nicht mehr in den Boden, um zu schützen, sondern nutzte die Kante wie einen gigantischen Meißel, um die eigenen Stadtmauern systematisch einzureißen.
  • Der Verrat des Ostens: Anatoron, dessen Speer sonst das Morgenlicht ankündigte, schleuderte diesen direkt auf den Königspalast. Der gigantische Speer durchschnitt den Thronsaal, brachte das gesamte Gebäude zum Einsturz und löschte die königliche Linie in Sekunden aus. Niemand konnte den "Arkanen Schlüssel" erreichen, um den Blutnagel zu ziehen.
  • Das Schlachten im Westen: Xiphoron wandte sein Schwert gegen den Hafen. Er zerschlug die stolze hybranische Flotte, die einzige Fluchtmöglichkeit, noch während die Schiffe vor Anker lagen. Das Meer färbte sich rot vom Blut der Matrosen.
  • Die Tragödie des Südens: Am schlimmsten wütete Soterion. Der Wächter, der einst segnend seine Hände über die Wohnviertel gehalten hatte, ließ nun seine Fäuste in einem stummen, mechanischen Rhythmus auf die Häuser niederfahren. Er zermalmte genau jene Bürger, deren Vorfahren ihm ihr Blut gegeben hatten.

Pelagon wurde in dieser Nacht nicht erobert; es wurde ausgelöscht. Die Hybraner fielen ihrer eigenen Schöpfung zum Opfer. Nur wenigen Flüchtlingen gelang es, in kleinen Booten dem Inferno zu entkommen und sich auf die abgelegenen Inseln im Thalischen Meer zu retten, wo sie sich vor der Welt und ihrer eigenen Geschichte versteckten. Die Thaliden selbst, nachdem ihr zerstörerisches Werk vollendet war und kein hybranisches Leben in der Stadt mehr existierte, verfielen in eine letzte, ewige Starre oder brannten durch die Überlastung ihrer Azoth-Herzen aus. Sie blieben als titanische Ruinen in den Trümmern stehen – stumme Zeugen des Hochmuts.


Das Thyrnische Erbe

Das Thyrnische Weltreich, das sich kulturell und politisch als der legitime Nachfolger der hybranischen Hochkultur versteht, blickte stets mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid auf die Legenden der Thaliden. Für die kaiserlichen Strategen waren diese Wesen eine Zeit lang nicht nur mythische Erinnerungen, sondern der ultimative militärische Traum: Die absolute, autarke Waffe.

Das Blut-Konsortium (491 ThZ)

Im Jahr 491 ThZ, auf dem Höhepunkt der thyrnischen Expansionskriege, initiierte der damalige Kaiser ein geheimes Forschungsprojekt von beispielloser Ambition: Das Blut-Konsortium. Die klügsten Köpfe der Arkanen Akademie von Thyrna wurden in einer verborgenen Anlage zusammengezogen. Ihr Auftrag war simpel und ungeheuerlich zugleich: Die Rekonstruktion eines Thaliden. Die thyrnischen Arkanisten verfügten über das theoretische Wissen. Sie besaßen alte hybranische Fragmente, die den Bau des Azoth-Herzens und des Vaskulären Labyrinths beschrieben. Sie hatten Zugriff auf die Minen von Thyrna, um das nötige Orichalkum zu fördern. Der Bau der physischen Hülle schien nur eine Frage der Zeit und der Ressourcen zu sein.

Das Scheitern der Imitation

Das Projekt endete nach wenigen Jahren in einem stillen, aber totalen Fehlschlag. Die thyrnischen Gelehrten mussten erkennen, dass ihnen zwei metaphysische Komponenten fehlten, die nicht durch Wissenschaft ersetzt werden konnten.

1. Die Taubheit des Metalls (Das Formungs-Problem) Die Hybraner hatten ihre Wächter durch Urformer erschaffen – Geanisten, die das Metall "fühlten" und es organisch wachsen ließen. Die Thyrner hingegen waren Arkanisten. Sie mussten das Orichalkum gießen, hämmern und schweißen. Das Ergebnis waren tote Statuen. Das innere Adergeflecht war technisch perfekt, aber das Metall selbst blieb "kalt". Es fehlte die organische Elastizität; die Gelenke waren starr, die Bewegungen wären mechanisch und ruckartig gewesen, nicht fließend und lebendig.

2. Die Leere der Adern (Das Blut-Problem) Das gravierendste Hindernis jedoch war der Treibstoff. Die Berechnungen der Alchemisten ergaben, dass selbst das reinste Azoth-Feuer im Herzen nicht ausreichen würde, um den Koloss zu beseelen. Es bedurfte des "Geanischen Echos" im Blut, um die Verbindung zwischen Metall und Magie herzustellen. Den Thyrnern fehlte die Masse. Den Hybranern stand das Blut zehntausender Bürger zur Verfügung, die alle magisch begabt waren. Im Thyrnischen Reich jedoch ist das geanische Erbe extrem selten und auf die Hoch-Aristokratie beschränkt. Das Konsortium stand vor einer unmöglichen Rechnung: Um auch nur einen einzigen Thaliden zu erwecken, hätte man das tausendfache aller existierenden Geanisten im Thyrnischen Imperium opfern müssen.

  • Die Option, gefangene "Wilde Geanisten" aus dem Norden zu nutzen, wurde verworfen, da deren elbisches Bluterbe als zu schwach galt.
  • Das künstliche Modifizieren von gewöhnlichem Blut mittels Alchemie schlug fehl; die "Seele" ließ sich nicht im Labor erzeugen.

Das Blut-Konsortium wurde schließlich aufgelöst und die Forschung als "Moralisch und praktisch undurchführbar" erklärt. Es blieb die bittere Erkenntnis, dass die Arkanmagie (die Wissenschaft) niemals die Naturmagie (das Leben) vollständig ersetzen kann.

Der Mythos heute

Heute existieren die Thaliden nur noch in den alten Sagen und als utopische Theorien in alten Schriftrollen der thyrnischen Arkanisten. Die Ruinen von Pelagon sind längst zu Staub zerfallen, und von den vier Wächtern ist keine Spur geblieben – wahrscheinlich wurden ihre orichalkenen Leiber über Jahrtausende von Plünderern abgetragen und in Münzen oder Schmuck umgeschmolzen. Doch der Mythos bleibt lebendig.

  • Für die Thyrner sind sie das Symbol einer verlorenen Macht, die heute als unmöglich gilt.
  • Für die Geanisten sind sie eine Warnung davor, was geschieht, wenn man das Blut in den Dienst einer Sache stellt, die größer ist als das Leben selbst.
  • Und für die Welt von Eboria bleiben sie das ultimative Mahnmal des hybranischen Hochmuts: Der Beweis, dass man Götter bauen kann – aber dass man bereit sein muss, selbst vernichtet zu werden, wenn diese Götter fallen.